Nachgedacht

 

Ich glaube - hilf meinem Unglauben!

Markus 9,24

Gedanken zur Jahreslosung 2020

 

Ein neues Jahr hat begonnen, ist schon wieder ein paar Tage alt. Hin- und hergerissen fühle ich mich, wenn ich auf 2020 schaue. Prinzipiell bin ich zwar ein positiv denkender Mensch und freue mich auf das, was da kommt. Auf die Begegnungen mit Menschen, auf Herausforderungen im dienstlichen und familiären Bereich, auf schöne Erlebnisse in Beruf und Freizeit.

Aber gleichzeitig macht sich auch ein leises Gefühl der Mulmigkeit breit beim Blick auf die Zukunft. Schaff ich das alles, was von mir gefordert wird? Wie wird sich die politische Großwetterlage bei uns und auf der ganzen Welt entwickeln? Bekommen wir das veränderte Klima noch deutlicher zu spüren? Hin- und Hergerissen bin ich also, wenn ich nach vorne schaue.

Im Markusevangelium, Kapitel 9, wird von der Heilung eines besessenen Knaben berichtet. Lesen Sie ruhig mal nach, die Verse 14-28. Im Zentrum steht der Vater des Knaben, und das Hin- und Hergerissensein kennt er vermutlich noch besser als ich. Ich stelle mir vor, dass er in seinem ganzen Leben eine totale Achterbahn der Gefühle hinter sich hat: Von der Vorfreude auf sein Kind während der Schwangerschaft weiter über das totale Glück am Tag der Geburt, geprägt von Freudentränen und Jubeltaumel. Dann die beginnende Unsicherheit, als er merkt, dass mit seinem Kind etwas nicht stimmt. Hin zu Angst und Schrecken, als sich die Besessenheit des Knaben in all ihrer Hässlichkeit zeigt. Resignation, als sich die Anfälle häufen, als Zähneknirschen und Schaum vorm Mund unerträglich werden für den Vater und die Menschen um ihn herum. Dann die große Hoffnung, weil er hört, dass es da jemand geben könnte, der vielleicht helfen kann. Bitterste Enttäuschung, als er merkt, dass die Jünger Jesu seinen Sohn nicht heilen können. Und dann doch nochmal ein nicht mehr erwarteter Lichtblick, als er Jesus selbst begegnet. Und endlich, nach einem kurzen Zwiegespräch mit Jesus, schreit der Vater dieses Gemenge an unterschiedlichen Gefühlen heraus: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"

Das Gefühls-Wirrwarr des Vaters ist uns allen wohl bekannt. Denn das lehrt einem das Leben: Dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Alles kam vor im letzten Jahr und alles wird vorkommen im neuen Jahr: Momente der absoluten Glückseligkeit, der höchsten Freude, der totalen Gottesnähe - Situationen also, in denen man voller Inbrunst und voller Überzeugung in die Welt rufen kann: "Ja, ich glaube!"

Und genauso wissen wir, dass es beruflich wie familiär, politisch wie gesellschaftlich Ereignisse geben wird, vor denen man kapitulieren muss. Wo man vielleicht nur noch weinen kann, keine Antwort mehr hat, gar an Gottes Existenz zweifeln muss und letztlich nur noch verzweifelt schreien kann: "Hilf meine Unglauben!"

Mir hilft es, in dieser Ambivalenz der Gefühle vom Ende her zu denken. Erst mal vom Ende der Erzählung vom bessenen Knaben her. Denn da wird tatsächlich alles gut. Der Sohn des Vaters, der besessene Knabe, wird heil. Die gesamte Lebensproblematik des Vaters und seines ganzen Umfelds löst sich in Luft auf. Der Knabe wird hineingerufen in das Leben, und der größte Stein, den man plumpsen hört, ist der vom Herz des Vaters. So sehr es ihn vorher gebeutelt hat mit all diesen manchmal unerträglichen Auf und Abs der Gefühle: Zum Schluss hat das Gute gewonnen. Zum Schluss steht der Sieg Jesu über den bösen Geist.

Und ich, ich will genau daran glauben: Dass am Ende dieser Sieg eintreten wird. Ich meine das durchaus eschatologisch, also aufs Ende meines Lebens, auf das Ende der ganzen Welt bezogen. Denn ja, ich glaube, dass die Zeit kommen wird, in der all das Schlimme und Schlechte ein Ende hat. Ich glaube, dass sich Gott offenbaren wird allen Völkern auf der Erde. Ich glaube, dass es irgendwann einmal Frieden gibt für alle und für jeden. Göttlichen Frieden. Seinen Schalom.

Und dieser Glaube, der hilft dann auch meinem Unglauben. Der lässt mich manch bittere Situation doch gelassener ertragen. Und der setzt Kräfte frei, gegen all die bösen Geister dieser Zeit anzukämpfen.

Ich wünsche Ihnen für 2020 in all den Momenten des Unglaubens die heilende Kraft des Glaubens!

Ihr Pfarrer Björn Schukat

 

 

 

Zum Weiterlesen:

Thema "Glaube" auf der Seite der evangelischen Kirche in Bayern: http://www.bayern-evangelisch.de/www/glauben.php